Weltkriege der Gegenwart : Marokko

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Wie die buddhistische Welt, so war auch die mohammedanische von der weißen Gefahr bedroht, und wie die Ostasiaten, so erkannten auch Araber und Türken, daß es so mit ihnen nicht weiter gehen könne, und rafften sich zum Gegenstoße auf. Die Japaner erfanden den Panbuddhismus, und Abdul Hamid wollte die Wasser des Panislamismus, den der arabische Orden der Senussi predigte, auf seine eigene Mühle leiten. Der Sultan gedachte weiter, sich des Beistandes des deutschen Kaisers bedienen zu können. Er genehmigte 1902durch ein lrade den Bau der Bagdadbahn, erstens, um sich Deutschland zu verbinden, zweitens, um die militärische Konzentration der türkischen Truppen zu beschleunigen. Türkische Ulemas traten mit indischen, turkestanischen und marokkanischen in Beziehung. Einstweilen jedoch war die Wucht des europäischen Angriffes zu stark; die Abbröckelung des Orients ging weiter. Da unternahm Kaiser Wilhelm einen starken Schritt, um der Abbröckelung und um der von England geführten Staatengruppe, wozu auch Spanien, Portugal, Japan und Norwegen gehörten, entgegen zu treten. Er landete am 31. März 1905 auf marokkanischem Boden, in Tanger, und setzte sich in einer Rede für die Unversehrbarkeit des Scherifenreiches ein. Im Juni 1905 zückten wir den Dolch gegen Frankreichs Brust, und richteten die Schicksalsfrage an Rouvier.Dietreibende Kraft bei diesem entschlossenen Vorgehen (bei dem vier Reine gewisse Rolle spielten: Radowitz, Radolin, Rosen und der genannte Rouvier), war Herr von Holstein. Vor der Herausforderung wich Frankreich wiederum zurück; von Stund an jedoch nährte es heftigen Grimm gegen uns, und die Flamme der Revanchelust loderte hell empor. Deutschland war wieder unbestritten die Vormacht des festländischen Europas. Die Freude darüber äußerte sich etwas ungestüm. Das Berliner Kabinett glaubte nunmehr gegen unsere westlichen Nachbarn schärfer auftreten, glaubte in Marokko befehlend eingreifen zu können. Anfangs ging die Sache gut, ja, sie ging glänzend. Der Kaiser wurde neuerdings als Freund und Retter des Islams gefeiert, die Franzosen wurden kreidebleich vor Angst, und Rouvier schiffte den unternehmenden Delcasse aus. Mais il replongeraversicherten Kenner schon damals. Und gerächt wurde er sehr bald, noch lange bevor er für den Botschafterposten in London kandidierte, Abgeordneter wurde und an die Spitze der Marineuntersuchungskommission und dann des Marineministeriums kam. König Eduard nahm sich der gedemütigten Franzosen an. Er versuchte das Kunststück, aus dem Jäger einen Gejagten zu machen, und veranstaltete ein Kesseltreiben gegen Deutschland. Die Generalprobe dafür war Algesiras. Deutschland, noch eben im Glanze der Überlegenheit, sah sich plötzlich vereinzelt. Alle Mächte wandten sich mit sichtlicher Schadenfreude von ihm ab. Was ihm militärisch versagt war, Deutschland zu demütigen, erreichten die Franzosen durch einen Kongreß, den von Algesiras, Januar bis März 1906. Frankreich hatte sich des Beistandes fast aller Mächte zu erfreuen, sogar Amerikas, das dem Verlauten nach nichts davon wissen wollte, daß Deutschland einen Hafen an der nordwestlichen Küste erhalte: dies sei zu nahe an Brasilien, wo die Yankees unseren Einfluß auszuschalten wünschten. Nur Österreich trat für die deutschen Rechte ein. Wilhelm II. dankte denn auch dem Grafen Goluchowski für seine „trefflichen Sekundantendienste“. Freilich hat wenige Monate darauf Goluchowski seine zeitlich sehr ausgedehnte Tätigkeit als Minister des Äußeren beendet, und man sagte dann, daß ja bei einem Duell gewöhnlich der Sekundant nicht auf dem Platze bleibe. Die Franzosen aber putschten noch während der Konferenz von Al-geciras ruhig weiter. Sie nahmen 1907 Udschda, eine halbe Tagereise jenseits der algerischen Nordwestgrenze, und im August beschossen sie Casablanca, worauf die Einverleibung der Landschaft Schauja erfolgte. Die „friedliche Durchdringung“ Marokkos ging rüstig voran, gefördert durch einen Thronstreit im Scherifenreiche selber. Der eigene Bruder, Mulai Hafid, erhob sich gegen den schwachen Sultan Abdul Aziz.

Im Jahre 1907 stellte sich an den Börsen ein Weltkrach ein. Er hat nicht so empfindlich und nicht so lange gewirkt, wie der von 1873, aber der Ausdehnung nach ist er bei weitem der größte in der Geschichte gewesen.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika
Zeitalter der Revolutionen : Napoleon
Zeitalter der Revolutionen : Wachstum Englands
Zeitalter der Revolutionen : Lateinisch-Amerika unabhängig
Zeitalter der Revolutionen : Heilige Allianz und Romantik
Zeitalter der Revolutionen : Die Woge des Liberalismus
Zeitalter der Revolutionen : Englands Hand über Asien und Afrika
Zeitalter der Revolutionen : 1848
Zeitalter der Revolutionen : Krimkrieg
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Ostasiens
Zeitalter der Revolutionen : Bürgerkrieg in Nordamerika
Zeitalter der Revolutionen : Einigung Italiens und Deutschlands
Zeitalter der Revolutionen : Der Mikado stürzt den Shogun
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Afrikas
Zeitalter der Revolutionen : 1870/71
Zeitalter des Nationalismus : Der Staatsbegriff in der Neuzeit
Zeitalter des Nationalismus : Disraeli
Zeitalter des Nationalismus : Russisch-türkischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Berliner Kongreß
Zeitalter des Nationalismus : Dreibund
Zeitalter des Nationalismus : Afrikanische Wirren
Zeitalter des Nationalismus : Deutsche Kolonien
Zeitalter des Nationalismus : Bismarcks Ausgang
Zeitalter des Nationalismus : Goldausbeute und Industrie
Zeitalter des Nationalismus : Wachstum der Bevölkerungen
Zeitalter des Nationalismus : Japanisch-chinesischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Jamesons-Raid
Zeitalter des Nationalismus : Der Streit um die Goldfelder in Venezuela
Zeitalter des Nationalismus : Kämpfe in vier Erdteilen
Zeitalter des Nationalismus : Spanisch-amerikanischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Nationalitätenhader in Österreich
Deutschtum und Türkei : Südmarsch der Deutschen
Deutschtum und Türkei : Kommerzieller Imperialismus
Deutschtum und Türkei : Der Sultan
Deutschtum und Türkei : Westöstliches
Deutschtum und Türkei : Mohammedaner und Christen
Deutschtum und Türkei : Kaiserbesuch
Weltkriege der Gegenwart : Burenkrieg und Boxerwirren
Weltkriege der Gegenwart : Blüte Nordamerikas
Weltkriege der Gegenwart : Japanisch-russischer Krieg
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