Weltkriege der Gegenwart : Eduard VII.

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Eduard hatte ein feines Netz gesponnen. Aber die Maschen wollte er noch enger knüpfen. Eine Militärkonvention mit Frankreich kam zustande. Ihr Vorhandensein wurde zwar entrüstet in Abrede gestellt, aber Clemenceau hat in einer unbewachten Stunde die Katze aus dem Sack schlüpfen lassen. Schon übte das britische Geschwader in den dänischen Gewässern, um die Möglichkeiten für künftige Landungen eingehend zu studieren, und dehnte seine Fahrten bistiefindieOstseeaus — eineHeraus-forderung ohnegleichen. Man sollte einmal das Geschrei der Briten hören, wenn irgendeine fremde Flotte genau auf dieselbe Art und Weise an den britischen Küsten manövrierte! Immerhin leistete sich die deutsche Marine eine kleinen Scherz. Ich pfeife auf eure Dreadnoughts! schien sie zu sagen, und schickte ganz vergnügt die ganze deutsche Hochseeflotte mitten durch die Stellungen der Nebenbuhler hindurch, fern nach Süd, nach dem schönen Spanien. Ein ganz artiger Bluff. Inzwischen zog Eduard die Bande fester mit Norwegen, wo ja eine Engländerin, seine Tochter Maud, als Königin waltete. Auf Dänemark konnte man ohnehin rechnen. So war von Norden her Deutschland eingekreist. Im Westen war Frankreich, im Südwesten Spanien mit der Engländerin Ena und der britische Vasallenstaat Portugal. Im Süden das gegen den Dreibund verschnupfte Italien, das bei Algesiras offensichtlich gegen Berlin Stellung genommen hatte. Eduard krönte nun sein Werk durch den Anschluß Rußlands, der im August 1907 erfolgte. Er streckte weiter seine Hände nach Österreich, aber mußte die Hände wieder zurückziehen. Dieser erste Mißerfolg wurmte ihn tief. Er wurde in Ischl sogar gegen die Hofdamen unhöflich, und so etwas verzeihen die Österreicher nicht leicht. Der Spieler, der einen „Rebuff“ erhalten, wagt in seinem Arger gerne einen höheren Einsatz. Er will das spröde Glück zwingen. Die Weltpolitik Eduards wurde waghalsiger. Er, der früher bislang ein Meister sanfter Rede und geräuschlosen Handelns gewesen war, dem wie wenigen das Sprichwort gefiel „Gants de velours, et mains de fer“, er nahm auf einmal zu polternden Drohungen, ja, zum dröhnenden Kanonenhall seine Zuflucht. Er förderte die Revolution in der Türkei, um das befreite, mit dem liberalen England sympathisierende Osmanenreich gegen Deutschland auszuspielen. Die Wendung war jäh. Denn seitdem Lord Salisbury erkannt hatte, daß man „auf das falsche Pferd gewettet“ hatte, war die Regierungskunst derBriten bemüht, eine Aufteilung der Türkei herbeizuführen. Man hoffte dadurch, die Nebenbuhlerschaft der Festlandinteressenten aufzureizen, und so Europazu beschäftigen, auch wollte man für sich selbst Arabien, und womöglich Mesopotamien. Die Sache ließ sich ausgezeichnet an. Es war gerade die höchste Zeit, um den Deutschen den Weg nach Südasien zu verlegen, denn im Anfang 1908 war in Ergänzung des großherrlichen Irades, das 1902 die Bagdadbahn genehmigte, ein weiteres Irade erflossen, das die Bedingungen für den Bau der Strecke vom Taurus bis zum mittleren Euphrat festsetzte. Es fehlte nur noch ein kleineres Stück, dann waren die Deutschen in Bagdad, wo bereits die Schiffahrt nach dem indischen Ozean beginnt. Die junge Türkei wurde von London bearbeitet, um dem großen Unternehmen von Wilcox, der mit britischem Gelde die künstlische Bewässerung Mesopotamiens wieder beleben, und Inder und Fellachen, also britische Untertanen, in Mesopotamien ansiedeln wollte, die Konzession zu gewähren. Gleichzeitig lieh man den Revolutionären in Iran alle mögliche Hilfe. Die Führer der Bachtiaren waren im Einverständnis und in steter Fühlung mit Downing Street. Ähnlich nun, wie seinerzeit Louis Napoleon, Savoyen zum Lohn für seinen Beistand von Italien bekam, so gedachten die Briten den Südsaum Persiens als Entschädigung für ihre Mühe einzustecken.

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