Um die Schönheit

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Eine Paraphrase über die Münchener Kunstausstellungen 1896

Wir Menschen sind uns fremd, wir wissen nichts von einander, tiefe Abgründe scheiden unsere Seelen. Wir täuschen uns lange darüber und ahnen die Wahrheit nicht. Es giebt auch Menschen, deren Augen niemals geöffnet werden und man preist sie wohl um dessentwillen glücklich.

Wer aber zum Sehen erwacht, den packen die Schauer der Einsamkeit, und sein Leben wird ein verzweiflungsvoller Kampf, eine einzige grosse Sehnsucht, die Grenzen des Ichs zu erweitern, das eigene Fühlen wiederzufinden in anderen Seelen.

Wir dürsten nach Verständnis, nach Glauben und Anerkennung; wir werden niemals müde, unser Sein zu zergliedern, es zu verfolgen bis in die feinsten Teile, von denen wir kaum vorher gewusst, und so andere zu verstehen und von ihnen verstanden zu werden.

Wir wissen, dass diesem Bemühen eine vollständige Befriedigung nie beschieden ist, dass unsere Seelen sich nicht für immer einen können, dass nur Momente lang unsere Gedanken, unser Fühlen andere Menschen ganz erfüllen; aber wir wissen auch, dass diese kurzen Augenblicke das Höchste sind, was uns das Leben zu bieten vermag, und wir werden nicht aufhören, sie zu suchen.

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