Der deutsche Gedanke in der Welt

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Niemand kann es wundernehmen, wenn ein Bergwerk sich über jedes Mehr an Ausbeute, wenn eine Fabrik sich über jede Zunahme der Aufträge, jede Erweiterung des Absatzgebietes freut. Aber auch unsere Städte frohlocken über jedes neue Zehntausend der Einwohnerzahl, und die Hochschulen erblicken im 2000. oder 3000. Studenten einen vom Himmel gesandten Gast, der mit Freitisch und goldener Uhr geehrt werden muß. Ebenso jubeln die „Expansionisten“ über jeden Zuwachs der Anhänger deutscher Kultur und Industrie im Ausland, über jeden fremden Staat der deutsche Militärinstrukteure anwirbt. Nicht so die Weise. des Altertums, die eine Veröffentlichung ihrer heiligsten Gedanken verboten; nicht so die Spartaner, deren Gesetz davor warnte, zu oft Krieg mit den selben Gegnern zu führen, weil sonst die Gegner die spartanische Kriegskunst erlernen könnten. Daß die Sucht, sich als Lehrer zu fühlen, nicht immer nützlich ist, hat längst unsere Industrie erkannt. Sie hat gar kein so übermäßiges Wohlgefallen an den Japanern, die, den Hut in der Hand, gewinnendes Lächeln um den Mund, deutsche Fabriken besuchen und dann daheim deutsche Fabrikate nachahmen. Nicht minder nehmen japanische, russische, amerikanische Geologen und Chemiker, Professoren jeder Art den deutschen Wissenschaftlern den Platz weg. Aber Wissenschaft ist doch keine Ware, ist nicht materiell, nicht verhökerbar? Gemach! Philosophie, Sprachen, Geschichte den Fremden, soviel sie wollen; alle andre Übermittlung an sie ist von zweifelhaftem Wert — für uns.

Weiterlesen

Kultur-Europa bei den andern Völkern

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Als die Japaner den Krieg gegen China vom Zaune brachen, erklärten sie: sie wollten dem Frieden in Ostasien zu seinem. Rechte verhelfen. Wenn es gilt, einen Länderraub durch eine feierliche Konferenz zu bestätigen, so heißt es, man wolle den Status quo retten. Trügende Schlagwörter! Ähnlich wird den Schwarzen „das Evangelium gebracht“, und Kipling ermahnt mit hochtönenden Prophetenworten die Söhne der west-arischen Rasse, to take up the white man’s bürden.

Was steckt hinter all diesen herrlichen Sprüchen und Reden? Ambos oder Hammer sein! Der eine soll dienen, der andere will herrschen. Zur Tätigkeit des Herrschers gehört die Ausbeutung des Beherrschten, gehört das Geldverdienen. Industriekonzerne, Banktruste, Reedereigesellschaften bringen laut, schwungvollen Jubiläumsprospekten den Schwarzen und Gelben Kultur, aber die Seele bei dem ganzen Geschäfte ist und bleibt doch die Dividende. Wenn England Tibet besetzt, wird sofort ein Dutzend Minengesellschaften, Limited, gegründet. Wenn es einen Sieg über China errungen hat, wie 1840, so zwingt es dem Besiegten sein indisches Opium auf. Den Schwarzen entreißt zwar Europa der Sklaverei, deren Name unseren neuzeitlichen Ohren nicht mehr gut klingt. Dafür legt es dem Neger und dem Bantu eine tüchtige Steuer auf, und um zahlen zu können, sieht der sich genötigt, in den Goldgruben Transvaals oder beim Straßen- und Bahnbau in Usambara und bei Tabora zu arbeiten. Das verdiente Geld fließt an den weißen Herrn zurück. Frondienst wie einst im Mittelalter.

Weiterlesen

Orient und Weltpolitik – die Weltlage

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Man kann die Geschichte seit Versailles in zwei Epochen einteilen: in die der Vorherrschaft Deutschlands und der Vorherrschaft Englands. Seit dem 18. Januar 1871 ist das Übergewicht Deutschlands auf dem Festlande gesichert. Und im Kongokongresse wurde der Spruch Bismarcks auch für Afrika anerkannt. In den andern drei Erdteilen wog allerdings unsere Autorität leichter; immerhin genügte sie, uns einen prächtigen Teil Neu-Guineas und der Südsee-Inseln zu sichern. Unser Vorrang blieb nicht nur unter Bismarck bestehen, sondern noch eine Reihe von Jahren nach seinem Sturze. Es wirkte das bekannte Trägheitsgesetz: der einmal in starke Bewegung gesetzte Reichswagen rollte noch eine Zeitlang weiter, auch als kein weiterer Anstoß von außen, oder doch kein genügend wirksamer Anstoß erfolgte. Hierzu kam folgendes. Während wir wuchsen, wuchsen die andern auch, und zwar mehr und schneller. Frankreich hat im gleichen Zeiträume dreimal mehr überseeische Besitzungen errafft als wir. Dann sind die Vereinigten Staaten von Amerika, ist Japan in die Reihe der Weltmächte eingetreten. Das Deutsche Reich kam allmählich in die Lage des Mannes, der ein hübsches Häuschen besitzt und auch einen Garten davor und der ab und zu noch einige hundert Quadratfuß neuen Grundes ankauft. Nun kommen plötzlich Kapitalisten und bauen ragende Wolkenkratzer rings um diesen Besitz und nehmen ihm Luft und Licht. Ganz von selbst, ohne irgendwie zu verfallen oder innerlich geschädigt zu werden, verliert dadurch-das Häuschen an Wert. Die Wolkenkratzer — das sind Weltbritannien, Nord-Amerika, Rußland und das französische Imperium. Stillstand ist aber schon Rückgang. Wenn gar die Mitläufer mit Riesenschritten vorwärtskommen, so wird das Zurückbleiben noch auffallender. Die letzte Mehrung des Reiches war die Erwerbung der Karolinen, Marianen und der Palao-Inseln, bis zu den Kongosümpfen. Unser letzter weltpolitischer Erfolg, der übrigens schon nicht mehr unumstritten war, war die Entsendung des Weltmarschalls Waldersee; und dann vielleicht noch das Irade von 1902 für die Bagdadbahn, obwohl dadurch lediglich ein schon bestehender Vorrang bestätigt wurde, zu schweigen davon, daß das Irade in seinem wichtigsten Teile, in der Teilstrecke von Bagdad bis zum Persischen Golf später zunichte ward. Seit dieser Zeit, seit 1902 datiert die Vorherrschaft Englands. Es raffte sich auf, um aus seiner „glänzenden Vereinsamung“ herauszukommen, und schloß 1902 ein Bündnis mit Japan. Seit einem halben Jahrhundert war es das erste Mal, daß das stolze Albion sich überhaupt dazu verstand, einen andern Staat zum Teilhaber seiner Weltfirma zu machen. Besondere Bedeutung erhielt der Schritt dadurch, daß der Teilhaber ein Ostasiate war, und zwar ein Staat, den wir ohne die leidige Einmischung von Shimonoseki, mühelos als u nsern Freund hätten werben können. Die erste Folge war, daß wir unsere Bataillone, durch die England sein Übergewicht im Yangtse-Becken bedroht sah, von Shanghai zurückzogen. Als dann König Eduard den Burenkrieg glimpflich beendet und so die Arme frei hatte, schritt er zur Verständigung mit Frankreich, die September 1903 eingeleitet wurde, und webte ein Netz von Bündnissen und Abkommen, in das ganz Süd-Europa verstrickt werden sollte. Im August 1907 trat Rußland dem englischen Konzern bei. Noch engmaschiger wurde das Netz durch das Bündnis zwischen Zar und Mikado, das der Juli 1910 brachte. So war der Triumph Englands vollendet. Nur ein Teil davon ist die Schwächung der Türkei, die wir eben erlebten.

Weiterlesen

Der Nationalismus in Asien

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Das Nein ist der Gegenwurf des Ja, sagt Jakob Böhme. Und Goethe:

„Jedes ausgesprochene Wort erregt den Gegensinn.“

Wie bei Worten, so bei Taten. Jede Handlung ruft eine Gegenhandlung hervor. Der indische Zug Alexanders hatte das Reich der Gupta, den ersten indischen Einheitsstaat, zur unmittelbaren Folge. Auf das Vordringen der Römer erfolgte der Gegendrang der Sassaniden. Durch Byzanz wurden die Araber erweckt. Auf die Kreuzzüge nach Syrien kam der Sturm der Mongolen und Osmanen. Auf den Kreuzzug der Mächte nach China kam der Vorstoß Japans in Nordasien.

Einst waren die Europäer gar nicht so verhaßt im Orient. Seit dem späten Mittelalter hatten die europäischen Angriffe auf Asien aufgehört. So hatte sich der Orient daran gewöhnt, uns weniger zu fürchten. Daher konnten Marko Polo und Pordenone unbehelligt ganz Asien durchziehen, daher waren Landreisen von Europäern aus Indien über Afghanistan oder Belutschistan nach Syrien oder Rußland keine allzu große Seltenheit — eine Art Bädecker geradezu für die Reise von der Krim nach Turkestan und China ist uns aus dem 14. Jahrhundert erhalten —; daher endlich konnten die Kapuziner noch im 18. Jahrhundert ungestört in Lhasa wirken und verkehren. Weit entfernt, den rothaarigen Barbaren zu hassen, zogen vielmehr die südlichen Daimyo, die Herrscher von Siam und die Mandschu Portugiesen, Deutsche, Franzosen an ihre Höfe, um ihre wissenschaftlichen Kenntnisse, ihr politisches Geschick, ihre militärische Technik, ihre Verbindungen und Fähigkeiten auszunutzen. Das alles änderte sich, als die europäischen Absichten auf Asien immer offenkundiger wurden, als wir den Orientalen immer härter „an die Gurten“ gingen. So wurden zuerst in dem am meisten exponierten Japan die Christen grausam verfolgt, so wurden um etwa 1740 China, Tibet und Afghanistan für Europäer verschlossen. Der Osten fühlte sich in seiner Herrschaft, in seinem Glauben, in seiner ganzen Lebensführung aufs unmittelbarste bedroht.

Weiterlesen