Frankreichs Kriegsvorbereitungen in Bild und Wort

aus dem Kunstmuseum Hamburg

Alle, die Frankreichs Geistesleben sympathisch gegenüberstehen und an seine moralische Kraft glauben, werden seit Beginn des großen Krieges durch die Frage verfolgt: wie kommt es, daß eine Nation, deren Stolz, es von jeher war, klares Denken und Erkennen mit Maß und Würde zu vereinen, seit dem Augenblick, da das Schicksal sie in einen furchtbaren Kampf warf, in ihren Äußerungen so ganz die ihr von der übrigen Welt zugeglaubte Natur verleugnet. Es ist höchst erstaunlich, daß ein intelligentes Volk, wie das französische, dessen Stärke grade psychologische Durchdringung, kühles Prüfen aller Erscheinungen ist, bei der Darstellung der Tatsachen dieses Krieges und seiner Nebenerscheinungen alles Licht – Unschuld, Friedfertigkeit, Tapferkeit, Ritterlichkeit, freie Vaterlandsliebe, Barmherzigkeit auf die eine Seite bringt, der anderen Seite nichts als heimtückischen Kriegswillen, Eroberungsgelüste, unlautere Kampfart, Spionage- und Knechtssinn, Grausamkeit, Mordlust, Raub- und Diebesbenehmen zuschreibt, ein Verfahren, das jeder historischen Erfahrung and jeder Logik widerspricht. Es ist auch nicht anzunehmen, daß ein intelligenter und kultivierter Franzose sich nicht genau bewußt ist, wie gleichmäßig in den europäischen, vom Gesichtspunkt der Zivilisation ungefähr gleichaltrigen Völkern Gutes und Böses verteilt ist, wie überall heroische Taten und Niedrigkeiten zu verzeichnen sind, überall Kriegsparteien und Friedensparteien wirken, überall Grausamkeiten und Werke aufopfernder Nächstenliebe vollbracht werden.

Noch viel erstaunlicher aber berühren den Außenstehenden die Formen, in denen sich diese Anschauungen dokumentieren, die mag es sich um Pressestimmen oder Theateraufführungen, um Broschüren oder wissenschaftliche Aufsätze anerkannter Gelehrter, um Films oder Illustrationen, Witzblätter oder Kunstblätter handeln einen Tiefstand des Kulturniveaus bewiesen, wie er sich zur Zeit in keinem anderen Lande, auch in Frankreich wohl noch nie gefunden hat, selbst in früheren, großen geistigen Krisen und seelischen Epidemien nicht, mag man auch bis zum Mittelalter hinabsteigen.

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